Wer war Mohammed? Teil I

Mohammed - Prophet, Scharlatan oder Volksverhetzer?

Was wissen wir über den Menschen Mohammed?

"Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet?"

In den letzten Jahren häufen sich die Biografien über den Mann, der zum Vater einer Glaubensbewegung avancierte, welche zur Weltmacht wurde.

Doch was wissen wir über diesen Menschen Mohammed, was ist wirklich über ihn überliefert? Insgesamt gesehen zeichnet sich da ein recht vielschichtiges Bild, dessen Grundlage wir einmal betrachten möchten.

Aber da sind wir in einer misslichen Lage. Alle Werke über das Leben des Propheten, seine Reden, seine Taten, seine Kriege basieren auf einer einzigen Grundlage: Die Werke des Muhammad Ibn Ishãq, der im Jahre 704 geboren wurde und 768 in Bagdad verstarb.

Was also bleibt von den angeblichen Beweisen, direkten Aufzeichnungen und Niederschriften.

Neutral betrachtet nichts als Mythen, Sagen und Legenden. Die Beweisführung über das Leben des Propheten ist vergleichbar mit der des Begründers des Christentums, Jesus aus Nazareth. Sagen wir es einmal mit den Worten des Papstes Benedikt XVI.: "Wenn wir uns aber auf eine historische Beweisführung einlassen wollen, dann bleibt uns dort nichts als der Glaube." Ibn Ishãq verbrachte mehr als sein halbes Leben mit dem Recherchieren, Zusammentragen und Auswerten einer Ansammlung von Texten und Überlieferungen, welche dem Propheten zugeschrieben wurden.

Letztlich beruht der Großteil dessen, was später über das Leben des Propheten, seine Wege, Vorlieben, Irrtümer und Größe berichtet werden wird, ja selbst die Deutung der rätselhaften Passagen des Koran, auf dem, was Ibn Ishãq zusammengetragen und niedergeschrieben hat.

Er sammelt Aussagen, Anekdoten, Verträge, Gedichte, die auch 100 Jahre nach dem Tode des Propheten nur mündlich weitergegeben worden sind.

Und er schreibt die Überlieferungskette dazu, die dem Kern der Geschichten und Koransuren Glaubwürdigkeit verleihen sollen, z.B.: "Ya`qub ibn Utba überlieferte mir von Zuhri, der sich auf Urwa beruft, die folgenden Worte der Aischa, die sie von Mohammed hörte." Diese Recherchen erfolgen zu einer Zeit, als man beginnt jede Gesetzesvorlage, jeden Steuererlass mit Ereignissen und Zitaten zu rechtfertigen, die sich auf den Propheten berufen.

Daraus erwächst ein regelrecht inflationärer Anstieg der Anzahl der angeblich dem Propheten zugeschriebenen Aussprüche. Aber Ibn Ishãq bemüht sich redlich einen geschichtlichen Zusammenhang zu erstellen und ihnen die Beliebigkeit, mit der machtgierige Geistliche sie einzusetzen pflegten, zu nehmen. Er stellt selbst konkurrierende Versionen, von denen kaum überschaubar viel im Umlauf waren nebeneinander, als sicheres Eingeständnis, es auch nicht besser oder genauer zu wissen. Aber er schrieb noch früh genug um relativ unvoreingenommen schreiben zu können was man sich so alles über den Propheten erzählte.

Kurze Zeit später ging dies jedoch nicht mehr. Je mächtiger der Islam wurde, desto glorreicher gerieten die Erzählungen seines Anbeginns. Immer weniger Raum blieb für Unklarheiten, Zweifel, Irrtümer des Propheten, während die Zahl seiner Wundertaten immer weiter anwuchs, je länger er tot war.

Doch was geschah wirklich in Arabien, in einem Gebiet welches die Imperien der Spätantike offensichtlich peinlichst mieden. Wie konnte ausgerechnet dort eine neue Religion begründet werden, die heute zu den Mitgliedsstärksten der Welt gehört.

Oder gab es diesen Mohammed vielleicht überhaupt gar nicht? Auch dies wird von vielen islamkritischen Forschern inzwischen behauptet. Denn aus Mohammeds Arabien ist wenig geblieben und noch weniger ausgegraben worden. Archäologische Untersuchungen werden von dem Königshaus der Saudis weder geduldet noch selbst unternommen. Dies sehen viele als ein Zeichen der Vertuschung.

Mohammeds Geschichte lässt sich also nur rekonstruieren anhand der Überlieferungen muslimischer Gelehrter und Herrscher, die ihn sowohl verehrten als auch benutzten für ihre Machtkämpfe.

Auch hier ist ähnlich der literarischen Entwicklungsgeschichte des Christentums eine Geschichte der Kopierer, der versehentlichen Schreibfehler, absichtlichen Veränderungen, ja bewussten Textfälschungen zu erkennen und zu verfolgen. Was wurde weggelassen, was hinzugefügt und was haben sie ausgeschmückt. Was ist tatsächlich noch als Hinweis auf die wahrhaftige Person des Propheten vorhanden. Alles was hier bleibt ist eine Spurensuche im literarischen Überlieferungsreichtum des islamischen Mittelalters.

Die arabische Halbinsel ist seit jeher ein Wüstengebiet, welches außerhalb von Oasen kaum sesshaftes Volk ernährt. Ausnahme war bereits in vorgeschichtlicher Zeit der Süden, der die Entwicklung eigenständiger Kulturen zuließ. Der Norden wurde durch die Städte Bosra im heutigen Syrien und Jerash im heutigen Jordanien als Machtbereich der Imperien begrenzt.

Im 3. Jahrhundert drangen Truppen des äthiopischen Königreiches Aksum im Süden ein und hielten diesen bis ins 6. Jahrhundert, als die Zeit der jemenitischen Fürsten schlug. Die Wüste aber und die Oasen wurden durch die Wanderbeduinenstämme beherrscht, welche nur allmählich in Stammes- und Sippengebieten eine ständige Bleibe suchten.

Zur Zeit Mohammeds waren die Gebiete verteilt und bis ins Kleinste war der Verlauf der Stammesgrenzen geregelt, wurden die Oasen bis aufs Blut verteidigt. Raubzüge (Marazi, aus dem unser Wort Razzia hergeleitet wird) sind an der Tagesordnung, gelten als durchaus legitim und ehrenhaft und sichern vielen Sippen das bloße Überleben. Lediglich während drei heiliger Monate der Wallfahrt darf nicht gekämpft werden. Es ist die Zeit in der die Stämme zu den Schreinen ihrer Götter pilgern, welche in Westarabien in der bescheidenen Ansiedlung Mekka gehäuft anzutreffen waren.

Hier gab es Schreine für mehr Götter als das Jahr Tage zählt – aber alle hatten ihre Anhänger und niemand wagte einen fortzunehmen oder zu beseitigen. Es wären sofort blutige Kämpfe ausgebrochen. Angesiedelt sind diese Schreine um ein würfelförmiges Tempelgebäude, in dessen östlicher Ecke der eigentlich Gegenstand der Anbetung eingemauert war: ein schwarzer Meteorit. Wem der Tempel, Kaaba genannt, und der Stein vormals geweiht waren, entzieht sich der Kenntnis der Wissenschaft.

Die Überlieferung lässt uns wissen, dass ein Bild des Orakelgottes Hubal dort stand und Mohammed diesem als Kind geweiht wurde. Sicher finden wir deshalb gegen diesen Gott kein böses Wort im Koran. Nach späteren Überlieferungen soll die Kaaba auch das Heiligtum des Ur-Propheten Abraham gewesen sein, aber auch dies ist historisch betrachtet nicht zu belegen.

Vor allem aber werden drei Göttinnen in Mekka verehrt, die aus tiefer Vorzeit ragen, als das machtvolle Mysterium der Mutterschaft noch weibliche Idole gebar: al-Lat, eine Fruchtbarkeitsgottheit, Manat, eine Göttin des Schicksals, und schließlich al-Uzza, die am ehesten der Venus entspricht.

Außerdem wird schon lange vor Mohammeds Geburt ein höchster aller Götter angebetet: Ilah heißt er auf alten Inschriften, Allah nennen die Stämme ihn später.Sie verehren ihn als „ Herrn des Hundssterns, Herrn der höchsten Himmel" und als Vater der drei Göttinnen.

Das 7. Jahrhundert ist eine Zeit des religiösen Umbruchs. Christen und Juden breiten sich aus. Sie kennen nur je einen Gott, der zudem nicht in Steinen haust, sondern ein Buch gesandt hat. Die alten Fruchtbarkeitsgöttinnen wirken dagegen stumm und schwach, ihr Kult ist im Niedergang. Doch sie einfach abzuschaffen, wagt auch niemand.

Mohammed wird später im Koran, Sure 53, darüber spotten, dass die Araber, die so viel lieber Söhne besäßen, einem Gott huldigten, der nur Töchter gezeugt hatte.

In dieses Wirrwarr der Götter und Glaubensrichtungen wird Mohammed geboren. Und schon bei seinem Geburtsjahr klaffen Sage und sachdienliche Spuren auseinander. Im „ Jahr des Elefanten", etwa 552 nach Christus, sei er zur Welt gekommen, so heißt es, als Mekka wie durch ein Wunder vor einem äthiopischen Invasionsheer gerettet wurde.Aus den späteren, bekannten Lebensdaten Mohammeds aber ergibt sich ein Geburtsjahr um 569. Das muss keine absichtsvolle Fälschung sein. Tatsachen als Wert an sich existierten noch nicht: weil es sie in der Wahrnehmung der Menschen nicht gab. Immer hatten Götter, Geister oder Dämonen ihre unsichtbare Hand im Spiel. Welt und Glauben waren eins.

Welche Rolle spielte es also, wenn die Geschichten so erzählt wurden, wie es in Gottes Sinne sein musste? Es war einfach glaubwürdiger, wenn schon die Geburt des Propheten in ein Wunder gebettet war.Viele Biographen der neueren Zeit sind einem nahe liegenden Irrweg gefolgt: nämlich dem, all die wundersamen, überirdischen Elemente wegzulassen und zu versuchen den Rest als wahr anzunehmen. Aber wird etwas wahrer bloß dadurch, dass es so gewesen sein könnte?

Geboren also wird Mohammed als Sohn des Abdallah aus dem Stamme der Quraisch, der zu jener Zeit Mekka beherrscht. Aber sicher nicht als Mohammed - sondern als Qutam. In sehr frühen Überlieferungen sind noch Aussprüche erhalten: „ Ich bin der Gesandte der Erquickung und der gewaltigen Schlachten. Ich bin Qutam!" Später findet sich der Name unter vielen anderen in Sammlungen rühmender Beinamen des Propheten, dann verschwindet er.

Der Name Mohammed wiederum ist eigentlich ein Ehrentitel, „der zu Preisende". Das war nicht ungewöhnlich: Auch Mohammeds spätere Zufluchtsstadt Medina hieß ursprünglich Yathrib. „Medinat an-Nabi", Stadt des Propheten, wurde erst ihr Titel, dann ihr Name.

Mohammeds Vater ist kurz vor oder nach der Geburt seines Sohnes gestorben. Seine Mutter wird beerdigt, als der Junge sechs ist. Der Großvater nimmt sich seiner an, stirbt zwei Jahre später. Mohammed kommt schließlich in die Obhut seines Onkels Abu Talib, eines Clanführers, der nie ein Muslim werden, aber in Tagen der Bedrängnis stets zu seinem Neffen halten wird.Kurz nach seiner Geburt wird der Junge, so schreiben alle Überlieferer, seiner Mutter fortgenommen und durchreisenden Beduinenfrauen angeboten, die sich als Ammen verdingen.Erst will keine den Halbwaisen, bis schließlich eine arme Frau sich seiner erbarmt. Auf den Weiden ihrer Sippe, so die genauso fromme, wie nicht belegbare Geschichte, herrschte Dürre, die Brüste der Amme waren verdorrt. Kaum aber hat sie Mohammed an sich genommen „quollen die Brüste und selbst die Euter des Viehs vor Milch über", retten Kinder, Vieh, den ganzen Clan.

Diese Geschichte legt eine Spur in die realen Brüche jener Zeit: Warum blieb Mohammed nicht bei seiner leiblichen Mutter wie andere Kinder aus wohlhabenden Familien? Mohammed al-Waqidi, ein früher Chronist, hat die Verbindung von Mohammeds Eltern als arrangiertes Verhältnis zweier Clans beschrieben, vor allem aber: Der Bräutigam sei lediglich zum dreitägigen Vollzug der Ehe ins Haus von Amina gekommen. Danach ging er wieder. Das war damals durchaus üblich: Die Frau blieb im Haus ihrer Sippe wohnen und es war ihr nicht verwehrt, mehrere solcher Arrangements zu unterhalten.Wollte in Mohammeds Fall der Clan des verstorbenen Vaters verhindern, das der Sohn in der Sippe der Mutter aufwuchs und ihrem Einfluss entglitt? Suchte er deshalb eine Pflegefamilie für ihn? Oder aber, was nach den Gepflogenheiten eher anzunehmen ist, waren die beiden Familien so arm, dass sie nicht in der Lage waren dieses Kind aufzuziehen?

Mohammed bleibt lange bei seiner Amme. Schon in dieser Zeit erfährt er angeblich ein Wunder, das in älteren Texten noch in die Zeit seiner Berufung fällt – aber dann vorverlegt wurde, um die Reinheit des Propheten zu beteuern: die Entnahme und Säuberung seines Herzens durch zwei Engel. Sie seien eines Tages gekommen, hätten ihm den Leib aufgeschlitzt, das Herz entnommen und es mit Eiswasser aus einer goldenen Schüssel gewaschen. So sei er rein geworden.

Als Jugendlicher, so schreiben die Chronisten, begleitet Mohammed seinen Onkel Abu Talib auf dessen Karawanen. Einmal kommen sie nach Bosra, jene ferne Stadt der Christen im Norden, und als sie an der Klause des Eremitenmönches Bahira vorbeiziehen, tut der was er noch nie getan hat: Er lädt die Männer ein. Die lassen den Jungen draußen, das Gepäck zu bewachen. Doch genau ihn will Bahira sehen: Er sei der künftige Gesandte Allahs! Das Blätterdach eines Baumes habe sich über ihm geschlossen! Er trage das Mal des Prophetentums zwischen den Schultern! Der Mönch ist sich sicher: So steht es geschrieben in seinen heiligen Büchern. Er nimmt Mohammeds Onkel zur Seite und warnt ihn: „Schütze ihn vor den Juden! Denn sie werden an ihm erkennen, was ich erkannte, und ihm Übles antun." In einer anderen Version warnt Bahira vor den Byzantinern, die Übles ersinnen.

Rätselhaft bleiben diese Karawanen auf jeden Fall. Karawanen, die von Mekka nach Norden ziehen? Die legendäre Weihrauchstraße verlief nicht durch Mekka, sie führte weiter östlich über Medina. Auch über die Natur der Waren, die Art der Geschäfte Mohammeds ist nichts überliefert. Erst spätere Chronisten haben sich blumige Details dazu gedacht. Bildeten die Karawanen vielleicht nur die Erzählkulisse für das Beglaubigungswunder? Ein christlicher Mönch! Aus dem fernen, glänzenden Bosra! Der aus heiligen Büchern weiß, dass Mohammed der Gesandte Allahs ist! Einen unbestechlicheren Gewährsmann kann man sich kaum vorstellen – aber welche „christlichen“ Schriften sollte dieser rezitiert haben?

Historisch belegt sind lediglich kleine Handelszüge einzelner Clanchefs zwischen den Oasen. Aus byzantinischen Quellen werden nur Raubzüge von Beduinen aus dem arabischen Gebiet erwähnt und gelegentliche Gegenmaßnahmen der Herren von Bosra.

Jedenfalls soll Mohammed laut Überlieferung durch sie jene Frau kennenlernen, die als Erste an seine Bestimmung glauben wird: Chadidscha, eine „reiche“ Geschäftsfrau. Sie nimmt Mohammed erst als Angestellten auf, schätzt bald seine Redlichkeit und beschließt später sogar, ihn zu heiraten. Sie ist angeblich 40 Jahre alt, 15 Jahre älter als Mohammed, und bereits dreimal verheiratet gewesen – dies in einer Zeit in der die durchschnittliche Lebenserwartung in diesem Teil der Welt kaum bei 40 Jahren lag.

Es ist eine ungewöhnliche Verbindung, zumal Mohammed zu Chadidscha zieht und zeit ihres Lebens in ihrem Haus wohnen wird. Er selber besitzt keines. Neuere Interpreten erzählen diese Geschichte gern. Beweise sie doch, dass der Prophet ein viel modernerer Mann war, als seine Offenbarungen es erscheinen lassen. Dabei wurde genau diese Form der Ehe, bei welcher der Mann geduldeter - und bei den meisten Frauen nicht immer exklusiver - Gast und Nachtgefährte war, im Islam abgeschafft. Dem Mann aber blieb es gestattet, sich vier Frauen zu nehmen.Die Rolle der Frau wird sich im Islam in einigen Facetten verändern: Frauen erhalten zum ersten Mal einen Erbanspruch, zugleich wird ihr Zeugnis in Streitfällen nur halb soviel wert sein wie das des Mannes. In einer Ansprache am Ende seiner letzten Wallfahrt fordert Mohammed die Männer auf: „Ihr Leute! Die Frauen sind bei euch wie Kriegsgefangene, die über nichts aus eigener Macht verfügen. Ihr aber habt sie von Allah zu treuen Händen erhalten (...) Darum nehmt euch ihrer im Guten an!“

Es ist nach westlichen Maßstäben schwer zu ermessen, ob der Islam die Lage der Frauen verbesserte. Den Maßstäben der Jetztzeit kann er jedoch nicht genügen.Überliefert ist die Frage der Amme Ibrahims, Mohammeds früh verstorbenen Sohnes: „Oh Gesandter Allahs, den Männern verkündest du Gutes, warum nicht auch den Frauen?" Ob sie denn nicht mit ihrem Leben zufrieden sei, soll der Prophet geantwortet und versprochen haben, dass jedes Saugen des Säuglings an der Mutter Brust auf ihrem Jenseitskonto angerechnet werde. Und früh sprach er sich auch dagegen aus, neugeborene Mädchen einfach im Sand zu verscharren, wie es damals weit verbreitet war.

Alles was wir über das Leben Mohammeds erfahren, stammt von muslimischen Chronisten. Es gibt keine unabhängigen Quellen. Aber im Vergleich der unerwartet zahlreichen Versionen, anhand der Spur vergeblicher Korrekturversuche an früheren Texten, ergibt sich ein an Brüchen so reiches Bild, dass es heute als durchaus wissenschaftlich gesichert gilt, dass der Mensch Mohammed tatsächlich gelebt hat. Es hätte schon eines ebenso brillanten wie unerkannt verschwundenen Fälschers bedurft, Mohammeds Leben nachträglich zu erfinden. Was seine Lehren betrifft, so beruhen diese allein auf der Annahme eines Ursprunges aus dem Leben des Propheten.

Auch dafür, dass es Chadidscha gegeben hat, sprechen Indizien: die überlieferten Ahnenreihen ihrer Töchter, von deren Kindern und Kindeskindern. Nur, dass sie 40 Jahre alt war, als sie Mohammed heiratete, dürfte eher dem Zauber der Zahl geschuldet sein - sonst wäre Chadidscha bei der Geburt des letzten ihrer sechs Kinder, sofern diese tatsächlich aus ihrer Zeit mit Mohammed stammen sollten, 55 Jahre alt gewesen.

40 war eine heilige Zahl, nicht nur bei den Muslimen: 40 Tage verbrachte Mose auf dem Berg, Jesus in der Wüste, 40 Jahre alt war Mohammed, gemäß dem Koran, als er seine erste Offenbarung erfuhr. Ob das Alter der Chadidscha allerdings hier eingegliedert werden sollte ist eine nicht leicht zu beantwortende Frage.

Laut Ibn Ishaq ist Mohammed schon früh dem „ Bund der Strengen" in Mekka beigetreten. Den Mitgliedern oblag die Kontrolle, dass die Kaaba-Pilger in reinlicher Kleidung erschienen. Reinheit wird ein Leitmotiv in Mohammeds Leben werden, als Ausdruck der Läuterung von falschen Göttern und Gedanken, wie er es in einer der frühesten Suren kombiniert: „Stehe auf und warne! Und deinen Herren, den rühme! Und deine Kleider, die reinige! Und den Schmutz, den meide!"

Für einige Jahre zieht er sich in den heiligen Monaten zurück auf den Berg Hira bei Mekka, um sich dort der Askese und nächtlichen Gebeten zu widmen. In der „ Nacht der Bestimmung" im Monat Ramadan des Jahres 610 empfängt Mohammed dort eine erste Offenbarung. „Sie kam zu ihm wie die Morgendämmerung", heißt es.

Im Kanon der Überlieferungen bedrängt der katholische Erzengel Gabriel den verängstigten Mohammed: „ Lies!", oder: „Rezitiere!", und hält ihm dabei ein Schriftstück vor das Gesicht. Mohammed, verwirrt: „ Ma aqra'!" Es ist schriftlich überliefert, aber man müsste die beiden Wörter gesprochen hören, um ihren Sinn zu verstehen. Die Buchstaben allein, der flache Kreis des m, dem hoch aufragend das Alif entwächst, sagen nicht, was sie an dieser Stelle meinen: „ Ma" heißt „was“, und es kann der Beginn einer Frage sein, „was soll ich rezitieren, lesen?" Es bedeutet aber auch „nicht", dann würde der Satz heißen: „Ich lese nicht, kann nicht lesen.“ Eine kleine Betonungsverschiebung nur, doch sie gilt als Beweis für Gottes Urheberschaft: Wird die zweite Silbe betont, kann der Prophet nicht lesen, kann nur hören, was Gabriel ihm von Gott diktiert. Wird die erste Silbe betont, spricht nichts mehr dagegen, dass Mohammed lesen kann.Ungeachtet des Umstands, dass der Prophet abermals und diesmal klar fragt: „ Madha aqra'?", was soll ich lesen?, haben die Dogmatiker kommender Jahrhunderte die Sache in ihrem Sinne entschieden: Der Prophet konnte nicht lesen! So war er über jeden Verdacht erhaben, Textpassagen aus den Büchern der anderen Religionen übernommen zu haben.

Gabriel lässt nicht ab von ihm, schildert Ibn Ishaq das Zwiegespräch: „Er sprach, Trag vor, im Namen deines Herrn, der dich erschuf. Erschuf den Menschen aus geronnenem Blut! Trag vor! Dein Herr ist der Edelmütigste. Der den Menschen durch das Schreibrohr lehrte. Den Menschen lehrte, was er nicht wusste. Das also trug ich vor ... Es war, als ob die Worte in mein Herz geschrieben waren." Verstört geht Mohammed den Berg hinab, vernimmt auf halber Höhe noch eine Stimme vom Himmel: „O Mohammed! Du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gabriel!"

Mohammed, so will es die Überlieferung, kriecht „mit zitternden Schultern davon", zurück zu Chadidscha, ruft voller Furcht: „Zamiluni", hüllt mich ein! Seiner Frau allein vertraut er sich an, sie glaubt ihm: „Bei Gott, niemals wird dich Gott entehren." Aber Mohammed traut sich, traut der Stimme nicht, die jählings zu ihm niederfuhr, dann wieder lange verstummt. Er will nicht für einen `kahin´, einen herumstromernden Orakelpropheten, gehalten werden.

Ein Christ und Verwandter Chadidschas wird als Nächster die wahrhaftige Prophetie Mohammeds bezeugen. Es ist eine der Eigentümlichkeiten der Selbstfindung des Islam, dass Christen später als dessen glaubwürdigste Zeugen gelten. Einen noch gewichtigeren Beweis für Mohammeds göttliche Mission führt Ibn Ishaq an: nämlich, dass es ein Engel war, der Mohammed heimsuchte, und kein Dämon. Denn der Engel verschwand jedes Mal, wenn Mohammed und Chadidscha miteinander schliefen. So etwas tun Engel. Das war wichtig, denn in den ersten Jahrhunderten des Islam ging es nicht um Wahrheit oder Fiktion - sondern darum, ob wirklich Gott und nicht etwa der Teufel den Koran verkündet hatte.

Doch begannen Allahs Eingebungen tatsächlich mit dem jähen Auftritt Gabriels, der dem verängstigten Mohammed die ersten Zeichen vorhielt, ihn bedrängte? Traf es den Propheten so unvorbereitet, dass er zitternd in Chadidschas Armen niedersank und sich mit Selbstmordgedanken umtrieb?

Ali bin Abi Talib, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, hatte es gemäß seinem Urenkel noch anders erfahren: nämlich dass Mohammed bereits zuvor Visionen erlebt hatte. Ibn Ishaq hat die Szene beschrieben, aber schon sein bekanntester Überlieferer, Ibn Hisham, hat sie gestrichen. Ein anderer Chronist jedoch, der 814 gestorbene Junus Ibn Bukair, bewahrte dieses Detail: dass Mohammed in seiner Jugend von Anfällen heimgesucht wurde, die ihn zitternd niedergehen ließen. „In Mekka traf den Gesandten Allahs öfter der böse Blick; er wurde jedes Mal plötzlich von ihm attackiert. Das Geschah, bevor die Eingebungen auf ihn herabkamen. Chadidscha schickte dann stets nach einem alten Weib in Mekka, das ihn durch Zauberei feien sollte. Als aber auf ihn der Koran herab gesandt wurde und ihn dann in gleicher Weise wie zuvor der böse Blick traf und Chadidscha fragte: „Gesandter Allahs! Soll ich nicht nach jenem alten Weib schicken, damit es dich feie“. Da antwortete er: „Jetzt nicht!"

Drei Jahre wartet Mohammed, bis er sich zum ersten Mal an die Mekkaner richtet. Er predigt wortgewaltig von den Schrecken des Jüngsten Gerichts, den Qualen der Hölle als Strafe für all jene die Gott und seinem Gesandten die Gefolgschaft verweigern: „Wenn sich der Himmel spaltet! Wenn sich die Sterne verstreuen! Wenn die Meere zum Abfließen gebracht werden! Dann weiß eine jede Seele, was sie getan und gelassen hat!" Die Gläubigen werden aufgefordert zu glauben, zu beten – und Gutes zu tun, Arme zu speisen, gar Sklaven freizulassen.Mohammeds in Schüben der Offenbarung sich formende Lehre bewegt sich auf heiklem Terrain: Sie will, muss neu sein. Aber sie darf auch nicht radikal erscheinen, allzu sehr brechen mit dem Bekannten, will sie Zweifler auf ihre Seite ziehen. Die alten ProphetenJesus, Ismail, Abraham, sollen ihren Rang behalten, Zeugen sein von Mohammeds wahrhaftiger Berufung. Nur, dass er eben der letzte Prophet sei!

Das Tieropfer, das den heidnischen Arabern lieb und heilig ist, das die Juden abgeschafft haben, die Christen noch symbolisch mit Brot und Wein feiern - Mohammed führt es wieder ein. Es ist eine Choreographie des Vor und Zurück, ein geschmeidiges Vermischender Geschichten und Offenbarungen der bekannten Religionen. Nicht zu viel Neues, das dennoch neu verkündet wird. Gott offenbart manches eben mehrfach. Die Mekkaner sind nicht beeindruckt. Es sind zu viele Kahine unterwegs, Charismatiker, aber auch zuckende, wirres Zeug murmelnde Besessene, von denen er als ein neuer Prediger sich kaum groß abheben würde. Auch die anderen beiden großen monotheistischen Religionen sind noch nicht in Jahrtausenden der inneren wie äußeren Kämpfe erhärtet.

Alles ist im Fluss, formbar, mischt sich, zerfällt, neue Weissager steigen auf, werden bekämpft, geraten in Vergessenheit.Obschon: So jemanden wie Mohammed haben sie in Mekka noch nie gehört. Die Melodie, das Auf und Ab des Vortrags, jähes Innehalten, Reime – vom „ Zauber des Wortes" werden sie später sprechen. Es sind zunächst junge Männer aus den vornehmsten Familien, Gottsucher, ein paar Arme, die sich Mohammed nach und nach anschließen. Obwohl er ihnen nichts bieten kann außer seiner Botschaft. Keine Macht, keine Wunder, keine Beute. Nur das vermeintliche Wort Gottes. Und eine Gemeinschaft, die jeden aufnimmt, ganz gleich, welchen Rang er besitzt und aus welcher Sippe er stammt. Einer der ersten Jünger des Propheten wird ein Sklave sein, dem er selber die Freiheit geschenkt hat.

Am Vorabend des großen Marktes zur Pilgerzeit beraten angesehene Mekkaner, "wie sie den anreisenden Besuchern diesen seltsamen Prediger erklären können: Einige schlagen vor, Mohammed einen Dichter zu nennen. Oder gleich einen Verrückten, dem man einen Arzt besorgen und, zum Wohl der Gemeinde, auch bezahlen sollte.

So lässt man ihn gewähren, verhöhnt die Schar der Mohammed-Treuen, aber verfolgt sie nicht. Erst als Mohammed immer drängender die Unterwerfung unter Gott und Gott allein fordert, wider die „Beigeseller", wider die alten Götter, schlägt die Stimmung um.Für die Mekkaner ist die Kaaba mehr als eine Glaubenssache: Was sind sie ohne die Pilger, denen sie Unterkunft, Nahrung, Opfertiere verkaufen können? Was ist Mekka ohne das dreimonatige Tabu aller Überfälle, Raubzüge, Wegelagerei und Morde? Diese Jahreszeit der Rechtssicherheit macht die Stadt zum Knotenpunkt eines zumindest bescheidenen Handels, nicht ihre topografische Lage. Ohne Kaaba käme keiner.

Mohammed fordert in jeder Hinsicht das System heraus, religiös wie politisch: Die Rangordnung nach Stamm, Clan, Alter soll keine Rolle mehr spielen, sondern allein der Gehorsam Gott gegenüber - und natürlich seinem Gesandten. Der Streit dreht sich nicht mehr zuvorderst ums Seelenheil. Es geht insbesondere um Macht.Die Anfeindungen nehmen zu, die langsam wachsende Gemeinde wird isoliert. Um das Jahr 615 schiffen sich 80 Anhänger samt ihren Kindern über das Rote Meer nach Äthiopien ein, um beim Negus, dem dortigen christlichen König, Zuflucht zu finden.

An der Kaaba wird eine Proklamation ausgehängt: Mit den 14 Clans der muslimischen Urgemeinde dürfen weder Ehen noch Geschäfte geschlossen werden. Mansur Ibn Ikrima, der das Edikt aufhängt, seien hinterher alle Finger verdorrt, heißt es.

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