Wer starb auf Golgatha?

Pilatus war weder dumm noch unerfahren im Umgang mit den Juden. Zudem war er Jurist und kannte alle Schliche der römischen Gesetze. Ein vom Sanhedrin verurteilter Aufrührer war ihm auch nichts Neues. Solches kam in dieser Zeit immer wieder vor. Josephus berichtet von einem Samaritaner Namens Jeschua der zwei Jahre zuvor durchs Land zog und verbreitete, ihm seien die Verstecke der von Mose auf dem Garizim verborgenen Tempelgeräte von einem Engel gezeigt worden und er beabsichtige seine Anhänger dorthin zu führen und ein neues Reich Gottes zu begründen. Der nicht zu vermeidende Aufruhr wurde schnell niedergeschlagen, Pilatus verurteilte den Anführer zum Tode und es trat Ruhe ein.

Dies musste Pilatus jetzt wohl alles durch den Kopf gegangen sein. Aber hier bot sich jetzt die Chance mehrere Aufrührer zu kreuzigen ohne dass die Verantwortung unbedingt bei den Römern zu suchen wäre. Schließlich hatte der Sanhedrin und der Hohepriester als oberste Autorität in Judäa das Urteil gefällt. Pilatus als römischer Prokurator hatte doch nur seine formelle Pflicht zu erfüllen und er zeigte hier doch eindeutig, wie sehr er die jüdischen Autoritäten schätzte, indem er ihrem weise gefällten Urteil nicht widersprach, sondern es ohne Einschränkung bestätigte; zudem ließ ihm das römische Recht gar keine andere Wahl.

Ein Mann der große Menschenmassen um sich scharrte und sich selbst im Schriftverkehr mit dem Sanhedrin als Yeshua beni meshiha bezeichnete, welches nun mal nach der jüdischen Schriftenauslegung eindeutig den erwarteten König aus dem Hause Davids beschrieb, also einen weltlichen Herrscher und nicht einen religiösen Anführer, der zudem öffentlich die Vereinigung der zwölf Stämme propagierte, musste wegen Aufruhr verurteilt werden.

Die vom Sanhedrin überstellten Gefangenen hat Pilatus sicher niemals gesehen. Solch ein Vorgang war fast alltäglich und es wurde im Allgemeinen auf die Vorführung der Gefangenen verzichtet; diese wurden ja durch ihre Anwälte vertreten. Hier ging es zudem um Gefangene die bereits verurteilt waren und die man im Interesse der öffentlichen Ruhe und Ordnung schnell wieder loswerden wollte.

Denn eines dürfte sowohl aus historischer als auch aus theologischer Betrachtungsweise inzwischen jedem klar geworden sein, ein öffentliches Verfahren oder eine öffentliche zur Schaustellung der Gefangenen verbot sich hier sowohl aus jüdischer wie auch aus römischer Sicht. Der geringste Anlass konnte einen neuen Aufstand auslösen und gewisse Kreise lauerten nicht nur auf solche Gelegenheiten, nein sie versuchten ständig welche zu provozieren. Nur aus solcher Sichtweise ist das Verhalten des Verrats der Zeloten zu verstehen und es macht so auch Sinn. Wenn sie in Jeschua keinen Anführer aus davidschem Blute haben konnten, dann hätten sie ihn zumindest als Märtyrer noch nutzen können.

Pilatus bestätigte das Urteil und in verständlicher und vorsichtig richtiger Beurteilung der Lage ordnete er an, dass die Kreuzigung nicht auf Golgatha durchgeführt wurde, sondern abseits im Kidrontal.

Selbst wer sich ein wenig mit den Begebenheiten auseinandersetzt, die im NT die Geschehnisse auf Golgatha beschreiben, wird erkennen, dass sich die Kreuzigungsstätte in Wirklichkeit im Kidrontal befand. Denn Gärten und darin Grabstätten sind in der Nähe von Golgatha nicht zu finden. Aber im Kidrontal befanden sich die Grablegen der Aristokratie von Jerusalem und rein „zufällig“ wurde Jeshua laut dem Bibeltext in das Grab des Joseph aus Arimathia verbracht. Zwar behaupten die Evangelien, dieser wäre ein Anhänger des Jeshua gewesen, aber dies bezweifeln wir begründeter Weise ganz erheblich. Schon eine Sicht auf die Zusammensetzung des Sanhedrin zur Zeit des Pilatus zeigt uns als Mitglied diesen Joseph aus Arimathia auf.

Aber betrachten wir erst mal die „Kreuzigung“. Wie wir bereits nachgewiesen haben, wurde Jeshua vor der Verhaftung durch Simon Iskariot ausgetauscht. Jeschua floh in Begleitung von zweien seiner Brüder zurück nach Ägypten, in den Tempel des Onias. Dort finden wir eine Niederschrift: »…der, der Auszog zu Herrschen, kehrte zurück um zu dienen…“«.

Bei der Kreuzigung aber, wäre fast der ganze Plan der Jeschua-Vertrauten gescheitert. Da die Kreuzigung auf ein Urteil des Sanhedrins beruhte, mussten zumindest drei Vertreter des Sanhedrins zugegen sein; einer davon war Joseph aus Arimathia. Dieser hatte zum einen den Jeschua bereits im Tempel predigen sehen und er erkannte in Simon Iskariot einen Mann, der bereits mehrfach vor dem Sanhedrin stand. Natürlich erkannte er die Situation sofort und seine Neugier war geweckt. Er befragte die Wenigen, die zur Kreuzigungsstätte gefolgt waren indem er sich als ein Anhänger des Jeschua ausgab und erhielt die gewünschten Auskünfte. Da er sich aber nicht am Tod eines Nichtverurteilten schuldig machen wollte und natürlich auch nicht vor den Römern den Sanhedrin bloßstellen konnte und wollte, improvisierte er mit einigen seiner Freunde schnell einen unauffälligen Rettungsplan.

Zunächst sei noch eines erwähnt. Niemand wurde in diesen Tagen an das Kreuz genagelt. Sicher gab es in späteren Zeiten hin und wieder eine Form der Kreuzigung, bei der unter Zuhilfenahme von Holzunterlagen, die Ferse des Delinquenten durch einen Nagel fixiert wurde. Aber die in den Texten der EV geschilderte Hinrichtungsform findet nirgends in der römischen Justizliteratur dieser Zeit eine Erwähnung. Zur Zeit des Pontius Pilatus aber war diese sogar unmöglich. Das Vernageln von Holz war noch nicht üblich. Die Truppen des Tiberius mussten, wie er selbst mehrfach bedauernd schreibt, häufig längere Zeit rasten, damit die Hufe der Pferde nachwachsen konnten – Hufeisen und Nägel gab es noch nicht und kamen erst später zum Einsatz. Wer käme wohl auf die Idee für einen Juden einen teueren Nagel zu opfern!

Joseph von Arimathia, selbst mit der Heilkunde vertraut, ließ schnell einen speziell präparierten Schwamm und Verbandsmaterial holen. Wir lesen ja selbst in den Evangelien von dem seltsamen und völlig unüblichen Vorgang mit einem Schwamm. Solche Schwämme, getränkt mit Betäubungsmitteln aus Opium, Haschisch oder Belladonna waren im Nahen Osten seit langem bekannt und galten als Anästhetikum bei Operationen. Sie wurden getrocknet mitgeführt und kurz vor der Anwendung befeuchtet um ihre Wirkung zu entfalten.

Joseph wusste, dass mancher Gekreuzigte mehrere Tage durchhielt bevor er verstarb. Er wusste aber auch, dass am nächsten Tage Passah war und niemand an diesem Tag am Kreuze bleiben durfte. Die römischen Legionäre – bekanntlich mit einem besonders „herzlichen“ Gefühl für Gnadenakte behaftet – pflegten zur Beschleunigung des Todes den Gekreuzigten die Beine zu brechen, worauf der Tod durch ersticken innerhalb kürzester Zeit eintrat. Deshalb bestach Joseph die Legionäre, dem Gehängten etwas „Wasser“ mit dem Schwamm zu reichen. Wir lesen in den EV: Jesus beklagt seinen Durst. Ein mit „Essigwasser“ getränkter Schwamm wird an einem Stab an seinen Mund gehalten, worauf er aber sofort zu sterben scheint!

Joseph eilt zu Pilatus und bittet den Körper vom Kreuz nehmen zu dürfen. Dieser Vorgang allein bezeugt die hohe Stellung dieses Joseph. Kein Anhänger des Jeschua oder ein Geringer, hätte es wagen können den Prokurator hiernach zu befragen. Und Pilatus ist auch wirklich überrascht, dass dieser Jude so schnell verstorben sein sollte. Die heutigen Übersetzungen besagen zwar Joseph habe um die Leiche des Jeschua gebeten, aber im ursprünglichen griechischen Text benutzt Joseph das Wort ›soma‹, was einen lebenden Körper bezeichnet; während Pilatus das Wort ›ptoma‹ verwendet, womit ein Kadaver bezeichnet wird. Selbst hier wird deutlich, dass Joseph von dem lebendigen Mann spricht, während Pilatus ihm eine Leiche zuerkennt. Das Überleben des Gekreuzigten wird sogar im Evangelium enthüllt.

Joseph lässt den gekreuzigten Simon vom Kreuz nehmen und von seinem Gefährten Nikodemus schnell in sein eigenes, in der Nähe liegendes, neues Grab bringen. Dort verbindet er ihn fachgerecht und in der folgenden Nacht wird er fortgebracht. Selbst hier hätte doch das Evangelium den Tod besser verschleiern können. Aber der Autor des Johannes Ev. betont das Joseph und Nikodemus eine Menge »Spezereien«, nämlich Myrrhe und Aloe, mitbrachten, reine medizinisch genutzte Pflanzen, und keine zur Einbalsamierung verwendete. Diese Vorgänge liefen alle unter möglichstem Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Auch die EV schreiben, dass selbst die Kreuzigung von der „Menge“ nur von weitem verfolgt wurde.

Wie wir aus den Aufzeichnungen wissen, erfolgte das Passahfest des Jahres 36 erstaunlich ruhig. Nachfragen einzelner nach dem Verbleib des „Meshiha“ wurden von der Priesterschaft auf Anordnung des Hohepriester mit den Worten beantwortet: „Er wird zum Himmel aufgefahren sein, um sein Reich vorzubereiten“; … und Jeschua? Er feierte in diesen Tagen seinen 42. Geburtstag in Ägypten und wir wissen sicher, dass er seinen 51. auch noch in bester Gesundheit verbrachte! Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.

Lit.Hinweise: Parpola,Tracing the Origins of Jewish Monotheism; Fuller, A; Smith, Auf der Suche nach dem historischen Jesu; Burkert, Antike Mysterien; Johannes, Ev.; Hosea; Lohse, Damaskusschrift;

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