Eine Begegnung mit Gott?

In einem anderen Beitrag haben wir darauf hingewiesen, dass Jeschua (Jesus) sich irgendwann von den politischen Zielsetzungen seiner zelotischen Anhänger abwandte. Aber wo war er mit anderem Gedankengut infiziert worden, als dem welches ihm schon während seiner gesamten Kindheit indoktriniert wurde. Hier müssen wir seinem Ausbildungsweg in Ägypten folgen um es zu verstehen. Die Familie des Jeschua wurde von dessen Vater Zacharias entsprechend ausgestattet und mit den nötigen Papieren versorgt, um dem 12 jährigen Jeschua eine angemessene Ausbildung und Erziehung angedeihen zu lassen.

Die einzige Möglichkeit den auserkorenen „Messias“ angemessen auf seine Aufgabe vorzubereiten sah Zacharias im Tempel des Onias in Leontopolis, an der Straße von Heliopolis nach Alexandria. In gewissem Sinne war der Tempel eine galiläische Niederlassung im Ausland, in der sich griechischsprachige Zeloten ihr Wissen aneignen konnten. Er mag auch den „Eltern“ Jesu als guter Ort erschienen sein, an dem ihr Sohn erfahren konnte, was seine Rolle als Messias bedeutete, denn dort standen sämtliche Texte und Kommentare über die Aufgabe des Erlösers zur Verfügung. Diese Tatsache liefert auch einen plausiblen Grund für die Annahme, dass die kurze Anmerkung des Matthäus, dass Maria und Joseph mit Jeschua vor den Kindesmorden des Herodes geflohen seien, nichts ist als eine geschichtsverfälschende Ausschmückung zur Verschleierung der Tatsachen (wir haben darüber an anderer Stelle bereits berichtet).

In Wirklichkeit war es keine Flucht im Babyalter des „Auserwählten“, sondern ein freiwilliger Schritt, damit Jeschua fern von den Problemen in Judäa und Galiläa heranwachsen, lernen und lehren konnte.

Aber trotz seiner zadokitischen Ausbildung nahm Jeschua irgendwann heimlich eine andere Haltung ein, die er jedoch erst enthüllte, nachdem er zum „Messias“ gesalbt worden war und damit vollendete Tatsachen geschaffen hatte. Diese Haltung war eher mystisch. Doch wo in der jüdischen Welt Ägyptens könnte er mit den Grundlagen der Mystik in Berührung gekommen sein? Um eine Antwort zu finden, brauchen wir gar nicht weit von dem Tempel des Onias zu suchen. Unmittelbar neben diesem befindet sich eine große altägyptische Tempelanlage des Amun Re. Es ist nicht nur unwahrscheinlich, dass Jeschua diesen nicht aufgesucht hätte, sondern es ist sogar von den Gnostikern festgehalten, dass Jeschua dort sehr viel Zeit verbrachte, um in die Geheimnisse der ägyptischen Mythologie und Heilkunst eingeweiht zu werden.

Außerdem müssen wir einen Blick auf eine der damaligen mystischen Gruppen werfen, die Philo von Alexandria beschrieben hat. Im Südwesten von Alexandria liegt ein niedriger Kalksteinhügel, der sich in ungefähr 18 Kilometer Entfernung von den Stadtmauern erhebt. Auf diesem Hügel lebte in ländlichem Frieden und relativer Sicherheit - welche die nahe gelegenen Villen und Orte boten - eine kleine Gemeinschaft jüdischer Philosophen, die sich der Kontemplation verschrieben hatte. Die Gemeinschaft erhielt den Namen Therapeutae. Wie Philo erklärt, spielt er sowohl auf ein Gefühl der Heilung - des Körpers ebenso wie der Seele - als auch auf eine Atmosphäre der Anbetung an, in diesem Fall des »Selbst-Existenten« , des Glaubens an die eine göttliche Wirklichkeit, die nie geschaffen wurde, sondern ewig ist. Ein solcher Begriff des Göttlichen ist weit von der Möglichkeit entfernt, mit den Mitteln der Sprache beschrieben zu werden und interessierten Lesern der Templertexte sicher nicht ganz unbekannt.

Die Therapeutae unterschieden sich grundsätzlich von allen anderen Gruppierungen, die Philo schildert, etwa von den Essenern. Sie nahmen Frauen als gleichberechtigte Mitglieder in ihre Gemeinschaft auf und ließen sie uneingeschränkt am geistlichen Leben teilhaben. Die Essener dagegen brüsteten sich laut Philo, Josephus und Plinius damit, dass sie Frauen, die ihrer Meinung nach für Störungen sorgten, ausschlossen. Hier sollten wir uns an die einbeziehende Haltung erinnern, mit der Jeschua den Frauen in seiner Gefolgschaft begegnete, und an die Kritik, die einige seiner Jünger in den Evangelien daran äußerten, denn es hat viele fragwürdige Versuche gegeben, Jesus mit den Essenern in Verbindung zu bringen.

Die Gemeinschaft der Therapeutae war elitär und bestand, soweit wir aus den Texten erfahren können, aus gebildeten und vermögenden Alexandrinern, die Philos Patrizierschicht angehörten und sich gleichwohl entschlossen hatten, auf sämtlichen Besitz zu verzichten und ein der Betrachtung gewidmetes einfaches Leben zu führen. Aus Philos Kommentaren, die von persönlicher Erfahrung durchdrungen sind, lässt sich schließen, dass er die Gruppe häufig besucht und an einigen ihrer Gottesdienste teilgenommen hat. Philo beschreibt weitere derartige Gruppen, die sich der Kontemplation widmeten, in unterschiedlichen Regionen Ägyptens. Er erklärt, es gebe ähnliche Gemeinschaften in anderen Teilen der Welt mit anderen religiösen Überlieferungen, und die Therapeutae seien nur eine jüdische Erscheinungsform der weit verbreiteten mystischen Tradition der alten ägyptischen Religionen, die in allen Ländern Ausdruck finde. Die Einbeziehung von Frauen durch die Therapeutae bedeutete jedoch, dass das Geschlecht der Mitglieder keine Rolle spielte, wenn sich eine Gruppe der höchsten Erfahrung der Seele verschrieb, »die allein ein Wissen um Wahrheit und Falschheit liefert«. Das mag uns heute selbstverständlich erscheinen, doch in der Welt von Philo und Jeschua war dieser Gedanke revolutionär. Die Therapeutae waren Mystiker und Visionäre.

»Es ist gut«, schreibt Philo, »dass die Therapeutae - ein Volk, das von Anfang an stets gelehrt wird, sein Sehvermögen zu nutzen - die Vision des Existenten begehren und sich über die Sonne unserer Sinne erheben wollen...«

Die Angehörigen der Gemeinschaft strebten eine unmittelbare Erkenntnis der Wirklichkeit oder, um mit Philo zu sprechen, des »Selbst-Existenten« an. Sie wollten herausfinden, was sich hinter der chaotischen Welt dieses vergänglichen Lebens verbirgt. Das gleiche Ziel verfolgten auch viele andere Gruppierungen der Antike, besonders die großen, geheimen Organisationen um die Mysterienkulte. Hier haben wir es anscheinend mit einer erheblich einfacher umgesetzten Variante innerhalb der jüdischen Tradition zu tun.

Die Therapeutae beteten im Morgengrauen und bei Sonnenuntergang. Tagsüber lasen sie die heiligen Texte, verstanden diese jedoch nicht als Realgeschichte der jüdischen Nation, sondern als Allegorien.

Laut Philo hielten sie den Text für eine symbolische Oberfläche von etwas Verborgenem, das sie nur durch aktive Suche finden konnten. An jedem siebten Tag kamen die Therapeutae zusammen, um sich. den Vortrag eines der älteren Mitglieder anzuhören. Alle 50 Tage hielten sie eine Hauptversammlung ab, für die sie weiße Gewänder anlegten und bei der sie ein schlichtes „heiliges Mahl“ aßen, dann sangen sie, Männer und Frauen gemeinsam, im Chor Hymnen mit komplexen Rhythmen. Dieses Fest dauerte die Nacht hindurch bis zum Morgen und enthüllte den Sonnencharakter ihrer Anbetung: » ...sie stehen mit den Gesichtern und dem ganzen Körper nach Osten gewandt da, und wenn sie die Sonne aufgehen sehen, strecken sie die Hände zum Himmel in die Höhe und beten um helle Tage und um das Wissen der Wahrheit… ,«

Die Sphinx von Alexandria

Dies ist offensichtlich eine ganz andere Art des Judaismus, die nicht auf Tempelgottesdienste angewiesen ist. Sie scheint einen stark altägyptischen und pythagoräischen Einschlag zu haben und stützt sich nicht auf den Kult, der für die Priester der Tempel in Jerusalem und im ägyptischen Delta so wichtig war. Auch spielt die Reinheit (der Blutlinie) der Hohepriester, maßgeblich für die Zeloten, hier keine Rolle; das Gleiche gilt für das Kommen des Messias aus dem Hause Davids. Den männlichen und weiblichen Mitgliedern der Therapeutae ging es mehr oder weniger um eine visionäre Erfahrung des Göttlichen.

Ihr Reich war wahrhaftig nicht von dieser Welt. Jeschua hat zweifelsfrei ihre Einstellung nicht nur gebilligt sondern selbst vertreten.

Eine weitere Überzeugung der Therapeutae muss erläutert werden, nämlich die Betrachtung des gesamten Alten Testaments als symbolisch, einschließlich sämtlicher messianischer Voraussagen der Propheten. Für sie war es nicht nötig, dass ein konkreter Messias erschien, um Israel zu befreien.

Jeschua musste ihrer Auffassung zufolge kein wirklicher König und Hohepriester sein, und die orakelhaften Aussagen des „Messias“ deuteten demnach nur auf etwas Grundlegenderes und Geheimnisvolleres hin.

Können wir die wesentliche Idee im Neuen Testament als mystische Botschaft, wenn auch in einem christlichen Kontext, sehen? Könnte also die Wendung »bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen« als Aufforderung interpretiert werden, das mystische Licht von innen her scheinen zu lassen? Solche Auffassungen waren damals anscheinend weit verbreitet, vielleicht sogar üblich, und der Judaismus in Ägypten - und danach das Christentum - trug denn auch bis ins 4. Jahrhundert eindeutig mystische Züge. Von Ägypten kamen die ersten „Evangelien“ und nahm das christliche Mönchtum seinen Ausgang, und dort, in Nag Hammadi, waren die gnostischen Texte verborgen, jene Sammlung christlicher und klassischer Dokumente - darunter eines von Plato, anderer großer Griechen und drei der Schriften des Hermes Trismegistos, darunter das Asklepius -, die in einem Wüstenkloster zusammengestellt und verwendet worden war.

Die christliche Kirche in Ägypten hatte noch im 3. Jahrhundert Mystiker unter ihren Führern und Vertretern, zum Beispiel Theologen wie Clemens von Alexandria oder Origen. Von den ersten Tagen an – den Zeiten „Moses“ - beeinflussen ägyptische Götter und Traditionen den Judaismus, und dieser Einfluss ist auch in den Schriften Philos oder bei Gemeinschaften wie den Therapeutae zu erkennen, die einen mystischen Judaismus vertreten. Ähnliches gilt für den Tempel des Onias, der die Tradition der wahren jüdisch-zadokitischen Priesterschaft bewahrt.

An dieser Stelle möchte man fragen: »Was an Ägypten verlieh dem Judentum und dem aus ihm hervorgegangenen Christentum den mystischen Kern? Auf welchem Boden erwuchsen diese ausländischen Glaubensrichtungen? « Allerdings war es weniger der Boden, der solche Überzeugungen nährte als die Sonne, die ihnen Leben spendete. Einen Anhaltspunkt liefert die Tatsache, dass sowohl die Therapeutae als auch die jüdischen Zadokiten den Sonnenkalender von den Ägyptern übernahmen. Aus den überlieferten Texten wissen wir, dass der Pharao die mystische Verbindung mit Re als »höchste Erfüllung unseres menschlichen, göttlichen Wesens« anstrebte. Eine hoch entwickelte Mystik bildete den Kern der ägyptischen Wirklichkeitserfahrung, die offensichtlich viele andere Religionen beeinflusste, die dort ihren Ursprung hatten. Die ägyptische Mystik, die auf geheime Interpretationen von Riten und auf private Rituale zurückgriff, wurde häufig in von der Außenwelt abgeschirmten, unterirdischen Höhlen und Tempeln gepflegt. Ihre Vertreter hatten die Gabe, diese Welt mit der nächsten, den Himmel mit der Erde, zu verbinden.

Die Ägypter waren ihrer Zeit weit voraus und entwickelten keine rein theoretische Philosophie, sie stellten keine Mutmaßungen über göttliche Möglichkeiten an und vertraten keinen Glauben, der einzig auf der Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod beruhte. Die Ägypter waren nicht nur Mystiker, sondern auch überaus praktisch und logisch. Sie wollten nicht über den Himmel reden, sie wollten ihn aufsuchen - und zurückkehren, genau wie Lazarus.

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