Das Christentum - eine Sekte der Gnosis

Nag Hammadi und die Gnosis

Neben den historisch wertvollen und theologisch bedeutenden Schriftrollenfunden am Toten Meer, den so genannten Qumrantexten, gab es in dem letzten Jahrhundert einen weiteren Fund von Originalliteratur aus dem Altertum. Bereits vor dem Fund von Qumran hatten ägyptische Bauern in der Nähe des mittelägyptischen Lehmdorfes Nag Hammadi in einem großen Tonkrug 13 originale Papyrusbücher, davon elf noch unversehrt in den üblichen Ledersäcken. Da die Fellachen begreiflicherweise von der nicht nur wissenschaftlichen Bedeutung des Fundes nichts ahnten oder auch nur ahnen konnten, dauerte es einige Zeit, bis dieser Fund der Wissenschaft überhaupt zugänglich wurde. Einige Stücke waren inzwischen verbrannt worden, die anderen wurden an die verschiedensten Interessenten verkauft, bevor sie eigentlich in sachkundige Hände kamen.

Etwa die Hälfte kam nach Zürich in das CG.-Jung-Institut, die andere Hälfte nach Kairo ins Koptische Museum. Die meisten waren inzwischen stark lädiert.

Nach der Konservierung und ersten Überarbeitung erfuhr nun auch die interessierte Öffentlichkeit über Rundfunkmeldungen von dem wirklich sensationellen Fund. Es handelt sich immerhin um 53 Originaltexte des Altertums der frühchristlichen Zeit. Darunter mehrere Texte des Trismegistos. Nur fünf dieser Texte waren bisher überhaupt bekannt. Die anfängliche Euphorie der christlichen Kirchen, Organisationen, Theologen und Religionslehrer (diese versuchten zunächst den Fund für sich und ihre Lehrauffassungen zu missbrauchen) schlug schnell um, als klar wurde, dass 42 der Werke rein gnostischen Inhalts waren. Die Sensation war perfekt. Jeder kannte und kennt auch noch heute die Bestreiter der „Gnosis“ die frühen „Kirchenväter“. Viele misstrauten zwar schon seit dem Mittelalter der, infolge der kirchlichen Beeinflussung, polemischen Wiedergabe von gnostischen Texten. Man sah schon länger, dass es eigentlich die Gnostiker waren, die erste christliche Theologie überhaupt vorgelegt hatten. Und jetzt „passiert“ dies. Aber in der theologischen und historischen Wissenschaft gesellt sich schnell neben der Überraschung auch Freude, dazu kam Arbeit, denn man lernte jetzt Koptisch, jene fast vergessene alte Sprache die sich aus dem altägyptischen heraus entwickelte, also ein spätägyptisches Sprachidiom darstellt und bis heute unter der gebildeten Schicht der christlichen Kopten gesprochen wird.

Uns liegen Textkopien der Nag-Hammadi-Texte aus dem Anfang des 4. Jahrhundert vor. Diese sind damit auch Zeugnis dafür, dass die an anderer Stelle beschworene Einheit der „Reichskirche“ nichts als Legende ist. Denn neben den gnostischen Gemeinden und der Arianischen Kirche, welche sich selbst als dem Christentum zugehörig verstanden, gab es auch immer noch die weit verbreiteten Kulte und Sekten der alten griechischen und römischen Götterlehren im westlichen Teil des Reiches. In Syrien, dem Irak und Persien war der Mithraskult die Kirche mit den meisten Anhängern; über das ganze Reich verteilt fanden sich die diversen Ausübungsformen der Seth-Evangelisten und der Karpokratianer (übrigens mit deutlich höherer Anhängerzahl als die der römischen Reichskirche) und die Isis-Osiris-Kulte galten bis zur gewaltsamen Auflösung, verbunden mit der Zerstörung der meisten Heiligtümer, als die größte der Glaubensbewegungen innerhalb des Reiches.

Die vorliegenden Textkopien weisen durch ihre Texte aber unbestritten und in aller Deutlichkeit auf ihren Ursprung aus dem 2. Jahrhundert und ergeben die Information, dass die Urtexte in Griechisch verfasst waren. Die meisten Texte sind eindeutig der Valentinianischen Schule zuzuordnen und damit dem Ursprung der Gnosis in Alexandria. Wie bereits angesprochen gab es von Anfang an bei den so genannten „Kirchenvätern“ und auch „apostolischen Vätern“ eine teilweise aggressiv geführte Ablehnung der Gnosis. Aber wer waren diese überhaupt? Sie sind nichts anderes als je nach ihren Lebensphasen von der kirchlichen Allgemeinheit als authentisch anerkannte frühe Schriftsteller, die ihre Zeit damit verbrachten, die verschiedenen Strömungen und Auffassungen zu interpretieren und Auszulegen und so die „kirchliche Lehre“ zu „formen“ die dann Jahrhunderte später als „Wort Gottes“ dogmatisiert wurde. Da versteht man natürlich, dass sich die zunächst als kritische Beurteilung einzustufenden Schriften gegen Andersdenkende schnell in rigorose, aggressive Ablehnung wandelten. Die unterschiedlichen Motive zeigen jedenfalls ein Ziel - die allgemeine Ablehnung von allem was die römische Kirche gefährden und deren Lehre in Frage stellen könnte. Deshalb muss man die theologisch, christlich beeinflussten Texte der letzten Jahrhunderte für gnostische Quellen sehr differenziert sehen und deren kritische Abwehr gegen die Nag-Hammadi-Funde sehr „vorsichtig“ beurteilen und werten.

„Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht auf das was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht“, lautet ein Spruch des Jacobus, den man inzwischen dem Paulus zuschreibt. Vergessen hat er aber zu erwähnen – »Glaube ist nichts –Wissen ist alles«. Glaube ist, für jeden einfach zu erfassen, deutlich weniger wert als Wissen. Das haben wir eigentlich immer für eine Selbstverständlichkeit gehalten, wurden jedoch auch in diesem Bezug von der erschreckenden Unwissenheit der breiten Masse überrascht. Das überzeugendste und einprägsamste Wissen ergibt sich aus der Erfahrung. Erfahrungswissen – das sich vom theoretischen Wissen, z. B. das zwei plus zwei vier ist - unterscheidet, heißt im griechischen Gnosis. Entsprechend nannte man die mystischen Gruppen innerhalb des Christentums, die Gott selbst erfahren wollten, Gnostiker“. Aber ein mystischer Ansatz, der sich auf die intensive persönliche Erfahrung stützt, existierte schon seit Jahrhunderten in den Religionen der Mithras- und Serapiskulte innerhalb des makedonischen Reiches. Spätestens ab dem 2. Jahrhundert verbreitete dieser sich sehr rasch innerhalb der christlichen Gemeinden und Kirchen.

Trotz der Komplexität des größten Teils ihrer Literatur waren die Gnostiker weniger an den Tatsachen über diesen Jesus und seinen Gott JHWH oder an Abhandlungen über den Glauben in den verschiedenen Schriften und Erinnerungen interessiert als daran, direkt und persönlich zu erfahren, wer oder was Gott ist. Der Glaube an die Worte dieses Jesu berührte sie deutlich weniger als der Versuch, durch das Wissen um Gott so zu werden wie er. Beispielsweise heißt es in einem der Nag Hammadi Texte, dem Evangelium des Thomas: »Wenn ihr euch erkennen werdet, dann werdet ihr erkannt, und ihr werdet wissen, dass ihr Söhne des lebendigen Gottes seid. « Diesem Text werden wir uns auch im Wesentlichen zuwenden, da hier ein deutlicher Bezug und Zusammenhang zu anderen aufklärenden Texten gegeben ist.

Man kann heutzutage gar nicht stark genug betonen, dass alle Texte der Evangelien, welche in den Kanon der „Bibel“ aufgenommen wurden, ausschließlich aus Material, welches zur Bekräftigung der zahlreichen Standpunkte der involvierten Kleriker dienten, und ausschließlich unter theologischen Gesichtspunkten ausgewählt wurden. Jemand oder eine Gruppe setzte sich hin und entschied, dass ein Buch – aus ihrer Perspektive und nach ihrem Verständnis - »wahr« (oder »rechtgläubig«) und ein anderes »falsch« (oder »ketzerisch«) sei. Hierbei wurden ohne Rücksicht auf die Herkunft, Texte aus verschiedenen Quellen und von verschiedenen Autoren einfach umgeschrieben, neu verfasst und zusammengestellt und als ein Buch neu definiert. Trotz aller Berufungen auf den göttlichen Ratschluss lassen sich die getroffenen Entscheidungen natürlich nicht automatisch rechtfertigen. Es handelt sich um sehr menschliche Entscheidungen, die auf sehr menschlichen Prioritäten beruhen, wobei es überwiegend um Kontrolle und Macht geht. In der frühesten Periode des Christentums sind die Epitheta ›ketzerisch‹ und ›orthodox‹ bedeutungslos. Völlig unsinnig ist die Behauptung oder auch nur Vorstellung, dass die Bücher in dem „Neuen Testament“ die einzig authentischen Überlieferungen zu dem Jesus der Christen darstellen. So kann man nur aufgrund von dogmatischen Vorurteilen behaupten, dass die kanonischen Schriften einen exklusiven Anspruch auf eine apostolische Herkunft und damit auf historische Priorität hätten. Wir wissen jedoch mit Sicherheit, dass die Textfassung des Neuen Testaments erst durch die Konzile von Hippo und Karthago in den Jahren 393 und 397 – mehr als 350 Jahre nach den Ereignissen, auf die sie sich beziehen – festgelegt wurde.

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